Wir trauern um Christoph Nitsch
Am vierten Adventswochenende ist Christoph Nitsch im Alter von 56 Jahren völlig unerwartet in seinem Bett gestorben. Christoph war ein bunter Hund in Bochum, stets da wenn es darum ging, sich für die richtige Sache einzusetzen. Nicht erst mit Gründung des Kuratorium Stelen der Erinnerung am 20.6.2016 engagierte sich Christoph selbstlos, wo immer es ihm wichtig erschien.

Vor über 20 Jahren ist auch die Stadt Bochum auf den US-Steuerverhinderungstrick namens Cross Boder Leasing hereingefallen. Sie wollte das städtische Kanalnetz verkaufen um kurzfristig Geld in die klammen Kassen zu bekommen. attac und der Mieterverein organisierten dagegen ein Bürgerbegehren, bei dem Christoph sich mit voller Kraft einbrachte. Das Bürgerbegehren erbrachte die notwendige Zahl an Unterschriften, die Voraussetzung für einen Bürgerentscheid sind. Die damalige Kämmerin kam dem zuvor, indem sie im März 2003 Fakten schuf und den Deal klarmachte, der die Stadt eine zweistellige Millionensumme kosten würde.
Im Rahmen dieser Proteste gab es Ende November 2003 eine „Rattendemo“, bei der die Ratten aus der Bochumer Kanalisation dieses Cross Border Desaster zu Gehör brachten. Christoph war der Autor der “Rede der Rattenkönigin“
Als sich die Soziale Liste Bochum am 15. Januar 2004 gründete, wurde Christoph Nitsch ihr erster Vorsitzender. Bis zu seinem Rücktritt im Juni 2014 blieb Christoph Vorsitzender der Sozialen Liste.
Als Vorsitzender der Sozialen Liste redete er auf der Bochumer Kundgebung „Flagge zeigen gegen den rechten Mordterror“ neben der örtlichen MdB Sevim Dagdelen, der NRW Landtagsvizepräsidentin Carina Gödecke und anderen.
Aktiv war Christoph u.a. auch als Bürgerreporter beim Lokalkompass. Da berichtete er über Geschehnisse im politischen Bereich. Im Wahlkampf 2013 war er dabei, als die Polizei willkürlich ein Transparent des Friedensplenums beschlagnahmte. Das Friedensplenum hatte gegen die Beteiligung der Bundeswehr bei der hiesigen Berufsbildungsmesse protestiert. Mit dem Text „Kinder für die Bundeswehr – Für Kriege weltweit“ ergänzt um die Parteilogos der SPD, der GRÜNEN und der CDU hatten jeweils 2 Aktive an den Wahlwerbeständen der jeweiligen Parteien gestanden, eine seinerzeit nicht anmeldepflichtige Aktion. Den Bericht erstattenden Christoph versuchten die Wachtmeister zu den Transparent tragenden zu zählen um daraus eine anmeldepflichtige Personenzahl von 3 zu konstruieren.
Insgesamt 379 Beiträge von Christoph gibt es beim Lokalkompass, verfasst zwischen 2013 und 2017, viele davon aus der Ratsfraktion der LINKEN, viele mit Berichten über das Nazi-Gesindel. Auch die Aktivitäten des Friedensplenums kamen durch Christoph an die Leser:innen des Lokalkompass.
Am 20.6.2016 gründete sich das Kuratorium Stelen der Erinnerung. Christoph war einer der Gründungsmitglieder und wurde auf der Gründungsversammlung in den Vorstand gewählt. In diesem Amt wurde Christoph bei jeder folgenden Vorstandswahl bestätigt. Christoph gestaltete seine Amtsführung aktiv, er hatte Ideen, er brachte sich ein, er war zuverlässig. Mitunter war Christoph auch anstrengend, ähnlich wie Hannes Bienert, der nicht nur für Christoph eine Art Vorbild war mit seiner Hartnäckigkeit, richtige Dinge durchzusetzen.
Der Skandal, wie Hannes im November 2005 für die Durchführung eines Gedenkens an die Reichspogromnacht in Wattenscheid zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen vom Amtsgericht verurteilt worden war, empfanden viele als Schlag ins Gesicht und als Gipfel der Ungerechtigkeit. Auch Christoph gehörte zu denen, die auch als Nicht-Wattenscheider diesem Urteil zum Trotz das Gedenken in Wattenscheid als ihre besondere Pflicht verstanden, und das Lebenswerk von Hannes Bienert nach dessen Tod 2015 mit fortführte.
Als Vorstandsmitglied von Stelen der Erinnerung trat Christoph immer wieder auch außerhalb eigener Veranstaltungen auf. Bei diversen Infoständen beispielsweise bei den gewerkschaftlichen Maifeiern oder bei den Wattenscheider Veranstaltungen der dortigen 600 Jahrfeier trat Christoph in Erscheinung. Aber auch zahlreiche Redebeiträge von ihm gab es aus der Zeit seiner Vorstandschaft bei Stelen der Erinnerung:
Beim Antikriegstag 2018 thematisierte das Bochumer Friedensplenum die „Festung Europa“. Manche gute Reden wurden gehalten, Christoph trug ein Gedicht vom Lyriker Theodor Kramer „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ vor, der als jüdischer und sozialistischer Schriftsteller unter der Nazi-Herrschaft zu leiden hatte. Ein für mich erstes Indiz, wie sehr belesen Christoph war und wie er aus seinem reichhaltigen Fundus die passenden Texte ziehen konnte.
Die sogenannten Querdenker machten im Juli 21 auf dem Kirmesplatz eine bundesweite Kundgebung, die von den demokratischen Organisationen und Gruppen nicht unwidersprochen hingenommen werden konnte. Zu diesen Gruppen zählte auch unser Kuratorium Stelen der Erinnerung. Christoph übernahm es, einen faktenreichen Redebeitrag zu halten in dem er viele der Akteure benannte mit ihren rechtsextremistischen Netzwerken. Damit widerlegte Christoph die angebliche Harmlosigkeit dieser Quervordenker.
Zwei der regelmäßigen Termine bei denen Stelen der Erinnerung an die Öffentlichkeit geht, sind Geburtstag und Todestag von Betti Hartmann am 19.2. und am 31.8.. Diese Termine waren für Christoph wichtig, zu diesen Anlässen hat er aktuelle Redebeiträge gehalten. Manchmal waren dies Texte aus der Literatur die sich mit Faschismus beschäftigten, und/oder aus Sicht der jüdischen Opfer stammten, manchmal waren es eigene Texte die sich mit der aktuellen politischen Situation in Deutschland auseinandersetzten. Vom August 2022 stammt ein Video bei BO-Alternativ, in dem Christoph über Betti Hartmann spricht und die Bedeutung die das heutige Erinnern ausmacht.
Zum Antikriegstag 2023, also ein Tag nach dem Todestag von Betti Hartmann war wieder Anlass für Christoph im Namen des Kuratoriums Stelen der Erinnerung einen Redebeitrag zu halten.
Beim Ostermarsch 2024 sprach Christoph in Wattenscheid zum Thema „Kampf dem Atomtod“ und beendete seine Rede mit einem Gedicht des heute leider nicht mehr so bekannten Dichters Günter Eich, der den 2. Weltkrieg als Soldat erleben musste: „Sand im Getriebe“.
Sein letzter Auftritt war beim Gedenken an die Pogrome vom 9. November in Wattenscheid. Da verhinderte Christoph die Provokation der Faschisten von der AfD, die an den Stelen eine brennende Kerze abstellen wollten.
Christoph hatte einen klaren unverstellten politischen Kompass, er wusste was zu tun war, er ließ sich nicht verbiegen. Er wird uns fehlen.