Christophs Rede zum Gedenken an die Pogrome vom 9. November in Wattenscheid
Bei der Umstellung dieser Webseite Ende 2025 ist der Beitrag versehentlich zwischenzeitlich unveröffentlicht gewesen.
Liebe antifaschistischen Freundinnen und Freunde,
es fällt mir nicht leicht, diesen Redebeitrag zu halten. Normalerweise hätte, wie in jedem Jahr, unser Freund Ilja Berin nun mit seinen hebräischen und jiddischen Liedern unsere Gedenkveranstaltung verschönert. Doch Ilja ist leider nicht mehr unter uns.
Dieser Verlust ist schwer zu ertragen, er hinterlässt eine Lücke, die niemals zu schließen sein wird! Ilja Berin war für mich mehr als nur ein Mann, der durch seine Kulturbeiträge unseren 9. November bereichert hat.
Mit seiner positiven Lebenseinstellung und seinem Humor hatte er mein Herz erobert. Ich freute mich immer sehr, wenn ich ihn regelmäßig beim Einkaufen traf, was häufig geschah, da wir im selben Stadtteil wohnten. Ich hatte die große Freude, zusammen mit Ilja kurz vor seinem Tod einige hebräische und jiddische Lieder zu singen. Wir sangen auch das Lied, welches ich von Ilja am meisten liebte:
Mir lebn ejbig
Mir lebn ejbig! Ess brenta Welt!
Mir lebn ejbig on a Groschn Geld.
Un oif zu pikeness di ale Ssonim,
wos wiln uns farschwarzn unser Ponim.
Mir lebn ejbig. Mir sajnen do,
mir lebn ejbig in jeder Sho!
Mir weln leben un der leben,
schlechte Zejten ariberlebn.
Mir lebn ejbig! Mir sajnen do!
(Wir leben ewig
Wir leben ewig! Es brennt eine Welt!
Wir leben ewig ohne einen Groschen Geld.
Allen Feinden zum Trotz.
Die uns anschwärzen.
Wir leben ewig, wir sind da.
Wir leben ewig in jeder Stunde.
Wir wollen leben und erleben.
Und schlechte Zeiten überleben.
Wir leben ewig! Wir sind da!)
Unser lieber Freund Felix Lipski klärte uns darüber auf, dass dieses wunderschöne Lied, ein Ausdruck unzerstörbaren Überlebenswillens, aus dem Wilnaer Ghetto stammte. Felix selbst hatte seine ersten Lebensjahre im Minsker Ghetto verbracht und dort unter der Barbarei der faschistischen Verbrecher gelitten.
Mir lebn ejbig – leider gehen mittlerweile immer mehr Menschen, die das unvorstellbare Grauen des Holocaust erlebt haben, von uns.
Immerhin aber gibt es auch das Projekt „Zeitzeugen der Zeitzeugen“, an dem auch unser Freund Felix Lipski federführend mit beteiligt ist.
Die Idee dahinter ist, dass die letzten Holocaust-Überlebenden ihre Erfahrungen jungen Menschen, die diese bewahren und dann mit anderen teilen, übermitteln. Es ist auch an uns, die wir heute hier zusammengekommen sind, die Erinnerung an das Grauen aufrecht zu erhalten und Verantwortung für den heutigen Zustand der Gesellschaft zu übernehmen!
In den nächsten Wochen werden viele von uns Kerzen entzünden, die einen am Adventskranz, die anderen am Chanukka-Leuchter, um Licht in diese dunkle Zeit zu bringen. Und diese Zeit ist in doppelter Hinsicht eine Dunkle: Bei den letzten Kommunalwahlen wurde in vielen Städten NRWs, auch in Bochum, eine offen faschistische Partei die drittstärkste Kraft. Deshalb sollten wir nicht nur Kerzen entzünden, sondern wir sollten selbst Lichter in der Dunkelheit sein!
Die „AfD“ hat mit ihren geplanten Tabubrüchen die Grenzen des gesellschaftlich Sagbaren immer weiter nach rechts verschoben: Immer mehr Menschen trauen sich in der Öffentlichkeit, rassistischen, antisemitischen, homophoben und anderen menschenfeindlichen Müll abzusondern.
Ich habe solchen Äußerungen stets entschieden widersprochen!
Zeigen wir uns mutig: Erweisen wir uns des Andenkens an Ilja Berin, Betti Hartmann und an die sechs Millionen unschuldig hingemordeten Menschen als würdig!
Tragen wir das Licht der Toleranz und Freundschaft in diese dunkle Welt!
Shalom!